Jakobsweg Nürnberg – Rothenburg

Gastbeitrag von Conny

Es spukte mir schon lange im Kopf herum: einfach mal ein paar Tage laufen, nur ich und mein Rucksack. Aber wann? Und vor allem: wohin?

Das warum hatte ich mir eigentlich sehr schnell beantwortet – mal für mich sein, die Natur genießen, mit dem Nötigsten auskommen. Ich denke der Wunsch nach „Wandern“ ergab sich stückweise aus meinem Weg zum Minimalismus, dem bewussten Weglassen. Auf was könnte ich verzichten auf meiner Wanderung? Was müsste unbedingt mit? Was würde ich am meisten vermissen? Und… würde ich es schaffen?

Eigentlich wollte ich mit einer lieben Freundin ein Stück des fränkischen Jakobswegs gehen – es war eine lose Idee, entstanden bei einer entspannten kleinen Wanderung im Frühjahr 2017. Wir hatten noch keinen Termin, noch keine Route. Je mehr ich mich damit beschäftigte, umso klarer wurde mir dass ich diese erste große Wanderung alleine machen wollte. Wo nur mein Rhythmus zählt, mein Empfinden wann ich wie lange laufen will und wohin.

Im Sommerurlaub August 2017 war es dann soweit. Ich musste mir ein Datum setzen, es war so „halbseiden“ ohne einen festen Termin und ohne ein „wohin“.

Eine Bekannte hatte mir das kleine Büchlein „der fränkische Jakobsweg“ ausgeliehen, darin schmökerte ich ein wenig und verliebte mich in die Strecke Nürnberg-Rothenburg. Die Kilometerzahl war realistisch, ich traute mir 90km in 3 Tagen durchaus zu. 30km am Tag, kein Problem… bin ja immer wieder mal auf Tageswanderungen mit über 20km unterwegs und spürte außer einem leichten Wadenziehen am nächsten Tag eigentlich nicht viel davon. Nun galt es die Strecke auszuarbeiten, Übernachtungsmöglichkeiten zu checken und das ganze mit der Familie abzustimmen. Das war schnell erledigt, der 2. Urlaubstag wurde als Starttag gewählt und das Wetter sollte gut werden. Im Pilgerzentrum Nürnberg besorgte ich mir gegen einen kleinen Obulus meinen offiziellen Pilgerausweis und ein Pilgerbier – das letzte dort.

Ich wollte nicht, wie im Wanderführer beschrieben, erst in Stein starten. Nein, ich wünschte mir eine Strecke von Jakobskirche zu Jakobskirche.

Das waren meine Etappenziele:

Nürnberg – Heilsbronn

Heilsbronn – Colmberg

Colmberg – Rothenburg o.d.Tauber

Die erste Übernachtung sollte in Windsbach (12km von Heilsbronn) bei den Schwiegereltern sein, für die zweite Übernachtung gönnte ich mir ein Zimmer auf der Burg Colmberg.

Ein paar Tage vorher packte ich den neuen Rucksack schon zur Probe – packte aus und wieder ein, ließ weg, packte anderes dazu und wunderte mich wo mit „nichts“ denn 8kg ohne Verpflegung und Wasser herkamen… ich dachte eigentlich, schon lange im Minimalismus angekommen zu sein – aber man merkt bei einem Wanderrucksack jedes verdammte Gramm…

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In der Nacht bevor es losging schlief ich schlecht… beäugte immer wieder meinen Rucksack mit der großen Jakobsmuschel und fragte mich ob das eine gute Idee wäre… aber ich hatte mich entschieden, mein Abenteuer schon längst publik gemacht – kneifen is nich mehr… außerdem hatte ich von meiner Mutter ein Wander-Care-Paket mit Traubenzucker, Magnesium, Pflastern und diversen kleinen Helferlein bekommen, inklusive Schutzengel – von einer lieben Freundin und ihrem Freund bekam ich ein selbstgestaltetes Wanderbüchlein mit Sprüchen und einen geschnitzten kleinen Wanderstock als Anhänger für meinen Rucksack. Ich war so gerührt… 2

Der große Tag war da – ich schnürte meine Schuhe, hiefte den 9kg-Rucksack auf die Schultern und verabschiedete mich mit weichen Knien und Adrenalin im Blut von meinen Lieben. Ich fuhr zunächst mit dem Zug nach Nürnberg, um an der Jakobskirche meinen segensreichen Start-Stempel abzuholen und endlich los zu gehen. So war zumindest der Plan…. ich lief natürlich morgens um neun gegen eine geschlossene Kirchentür. Das ging ja schon super los. Recht unheilig machte ich mich nach den Jakobsweg-Schildern an der Kirche auf den Weg, immer der Muschel nach.3 Erstaunlicherweise findet man alle paar hundert Meter wirklich die Muschel-Aufkleber an Laternen, Straßenschildern und Stromkästen. 4 Warum sind die mir früher nie aufgefallen? An der U-Bahnhaltestelle Plärrer entschloss ich mich, noch schnell die Toilette aufzusuchen. Wer weiß wann ich wieder Gelegenheit bekomme? Die diversen aufgeregten Tassen Kaffee zeigten ihre Wirkung. Ich stieß die Toilettentür auf und war erstmal geschockt: auf dem dreckigen Boden saß eine Fixerin, spindeldürr und von den Drogen gezeichnet schminkte sie sich, inmitten ihrer schäbigen Habseligkeiten auf dem Boden mit Hilfe einer Spiegelscherbe und einem stummelkurzen Kajal. Erschrocken schauten wir uns an. Wortlos schloß ich die Toilettentür hinter mir ab und stieg in der Kabine über benutztes Fixerbesteck. Auf dem Jakobsweg wollte ich ja an meine Grenzen gehen – aber wollte ich auch die Grenzen anderer sehen? Zugegeben, ich hatte doch etwas Angst. Zur Sicherheit holte ich mein Taschenmesser aus dem Rucksack und steckte es mir in die Hosentasche. Wer weiß, wozu man in diesem Zustand fähig ist? Als ich herauskam, hatte sie ihre Tüten, Taschen und Schlafsack zur Seite geräumt, damit ich an das Waschbecken kam. Da schämte ich mich… ich sagte ihr freundlich auf Wiedersehen. Einen schönen Tag zu wünschen wäre anmaßend gewesen…

Die erste Stunde verging wie im Flug, beschwingt mit Musik im Ohr und Sonne im Gesicht suchte ich die Markierungen und verglich sie mit meiner ausgedruckten Strecke. Ich war guter Dinge. Ich umrundete nach einiger Zeit das Bosch-Gelände. Lange kam keine Muschel mehr und es ging immer tiefer rein ins Industriegebiet… blöde Strecke, dachte ich mir. Und irgendwie passte die Himmelsrichtung auch gar nicht mehr. Irgendwann nach über einer halben Stunde stand ich wieder am Anfang der Bosch-Kreuzung! Oh nein, was ist hier los?! Ich entschloss mich dazu, nochmal den gleichen Weg zu laufen, irgendwo musste ich doch eine Markierung übersehen haben… nach 15 Minuten hatte ich das Übel entdeckt – der Weg mündete in eine Fahrradunterführung, die komplett aufgerissen und gesperrt war. Vor lauter Baustellen- und Durchgang-Verboten-Schildern hatte ich die Muschel übersehen! Die Freude über den gefundenen Weg währte nur kurz – ich konnte hier keinesfalls durch. Bauarbeiter gruben sich anscheinend in der Unterführung bis zum Grundwasser durch… mir blieb also nichts anderes übrig, als der Umleitung zu folgen. Diese (unvorhergesehene) Aktion kostete mich 1,5 Stunden und geschätzt 6km. Hier habe ich gelernt: das wäre mit dem Auto nur ärgerlich – zu Fuß eine Katastrophe. 5 Merklich niedergeschlagen befand ich mich endlich wieder auf dem richtigen Weg, beobachtete penibel jede Muschelmarkierung. Als ich endlich den Kanal überquerte fuhr gerade ein Schiff vorbei.

6

An der Kreuzung U-Bahn-Haltestelle Röthenbach bei Nürnberg war ich verwirrt. Hier hieß es laut Wanderführer „Einstieg in den Jakobsweg“, da ja die Strecke von der Innenstadt bis hierhin wenig reizvoll ist. Trotz intensiver Suche konnte ich keine Muschel-Markierung mehr entdecken, also lief ich den direkten Weg nach Stein an der Hauptstraße entlang. Ebenso wenig reizvoll… in einer kleinen Kirche in Stein trug ich mich in das Büchlein ein. Meine erste kleine Etappe hatte ich schon geschafft! Als ich am Steiner Rathaus vorbeilief, fiel mir ein dass mein Mann vor 2 Monaten im örtlichen Freizeitbad Palm Beach seine Sonnenbrille verloren hatte. Und man soll es nicht glauben: sie wurde gefunden und hier abgegeben! Freudestrahlend schickte ich eine SMS mit dem Fundstück an meinen Mann, bedankte mich im Fundbüro und lief seelisch gestärkt weiter. In der kleinen Kirche Stein-Oberweihersbuch drückte ich stolz meinen ersten Pilgerstempel in den Ausweis. Natürlich habe ich ein Feld freigelassen für meinen Stempel Jakobskirche Nürnberg. Den musste ich mir halt nachträglich holen. Ins Büchlein trug ich mich auch noch ein und nahm ein kleines Pilger-Kärtchen mit. 7

Mittlerweile war es Mittag, die Sonne brannte im Gesicht und ich war sehr froh, in letzter Minute meinen Strohhut an den Rucksack gehängt zu haben. Karabiner sind übrigens für ganz viele Sachen gut. Behütet und mit einem Apfel gestärkt setzte ich meinen Weg fort. Die Landschaft wurde nun ländlicher, eine Frau auf der anderen Straßenseite wünschte mir noch einen guten Weg und Durchhaltevermögen. Die erste die meinen riesen Rucksack und mein Vorhaben überhaupt zu bemerken schien. In der Stadt hetzen irgendwie alle aneinander vorbei und nehmen nichts wahr. Ich bemerke ein Hornveilchen, das sich durch den Asphalt kämpft. Ist das nicht auch im Alltag so? Kämpfen? 8

Über Unterweihersbuch, Sichersdorf und Weitersdorf ging es an kleinen Straßen entlang Richtung Roßtal. Dort hätte ich fast wieder den Weg verloren. Im Wanderführer hieß es „einen schmalen Fußweg entlang der Bahnlinie zum Bahnhof Roßtal“ – der Fußweg war so schmal dass ich die Schultern einziehen musste.9

In Roßtal stürmte ich erstmal den örtlichen Supermarkt und tauschte meine mittlerweile leeren Wasserflaschen aus. Ich setzte mich auf eine Treppe neben den Supermarkt, aß eine Banane und ruhte mich ein wenig aus. Nach 5 Minuten fiel mir das Aufstehen sehr schwer… jetzt merkte ich erst, wie fertig ich schon war. Schlafmangel, Hitze und die gelaufenen Kilometer zeigten ihre Wirkung. Aber ich hatte noch einen langen Weg vor mir und raffte mich auf. Ich schob mich und den Rucksack keuchend den „steilen Schloßberg“ von Roßtal hinauf zur Kirche. Auch hier hatte der Wanderführer nicht untertrieben – ich musste mehrmals pausieren bis ich endlich oben war. 10 In der Kirche fand ich keinen Stempel und setzte mich gegenüber der Kirche auf die Stufen des Rathauses. Im Wanderführer schmökernd stellte ich belustigt fest, dass das Foto dort genau aus meiner Position aufgenommen worden sein muss. Aus dem Rathaus trat ein netter Herr, fragte mich wo ich denn herkam und wo ich hin wollte. Er erzählte mir von der Geschichte der Stadt Roßtal, der Entstehung dieser Kirche und was es im Münster von Heilsbronn alles zu sehen gäbe. Ich war begeistert. Wie in einem Pilgerforum so schön beschrieben war: die Muschel am Rucksack öffnet Herzen und Türen! Mit guten Wünschen verabschiedete sich der nette Herr und fuhr davon.

Müde setzte ich meinen Weg fort über Felder und Wiesen Richtung Heilsbronn. Ich entschloss mich dazu, die Kirche Roßtal-Buttendorf /Fernabrünst/Bürglein auszulassen und den direkten Weg Luftlinie nach Heilsbronn zu nehmen. Ich hatte Angst, die 12km nicht mehr zu schaffen. Die Zeit flog nur so und meine Schritte wurden schon langsamer. Ich hatte keinen Hunger, zwang mir ein Stück Brot aus meinem Proviant hinein. Über Clarsbach, Raitersaich ging es quer durch die Pampa Richtung Heilsbronn. Der Feldweg führte mich durch ein Maisfeld, ein paar Wolken zogen auf und es lag eine schwüle, vorgewittrige Stimmung in der Luft. 11 Aus dem Nichts brach 2 Meter vor mir ein Reh aus dem Maisfeld, sprang mit einem gewaltigen Satz über den Feldweg und verschwand im gegenüberliegenden Maisfeld. Ich war dem Herzinfarkt nahe…

Es waren noch 5km nach Heilsbronn, die zogen sich wie Kaugummi. Mein Mann schickte mir aufmunternde Worte per SMS, da er meinen Standort via Iphone-Suche immer genau sehen konnte. Ich war froh um dieses Feature, da ich im Notfall wenigstens gefunden werden konnte. Ich kam durch ein langes Waldstück, es war ganz still. Ein Reh floh ins Dickicht, als es mich sah. So langsam hatte ich keine Lust mehr, ich hatte mir für die erste Etappe eindeutig zu viele Kilometer zugemutet. Aber ich war zu stolz, jetzt schon mein Safety-Car in Form der Schwiegereltern anzurufen. Nein, die 5km schaffst du jetzt auch noch, sagte ich still zu mir selbst. Nein, fast hätte ich die 5km nicht mehr geschafft. Mit letzter Kraft schleppte ich mich zum Ortsschild Heilsbronn, rief den Schwiegervater an und sagte dass ich nun keinen Meter mehr laufen würde… ich riß mein Pilgerbier auf und streckte die Beine von mir. 12 Meinen Stempel aus dem Heilsbronner Münster wollte ich mir zwar an diesem Tag noch holen, wollte das dann aber aufgrund der heftigen Wegstrecke des ersten Tages lieber auf dem Rückweg erledigen – meine Schlafstatt für diesen Tag war im 12km entfernten Windsbach – deshalb die Wegabweichung mit dem Auto.

Der Abend bei den Schwiegereltern war kurz – ich wünschte mir eine Dusche, einen Kaffee und eine Couch – das alles bekam ich sofort. Das leckere Essen musste ich mir reinzwängen, denn mir fehlte noch immer der Hunger.

Leider ging es meinen Füßen nicht so gut – diverse Blasen hatten sich gebildet, trotz top eingelaufener, sehr guter Wanderschuhe, Wandersocken und Hirschtalgcreme.

Ich denke die Kombination aus zu vielen Kilometern, Asphalt und zu schnellem Tempo am Schluss haben ihr Übriges getan. Mein Fitbit-Tracker zählte am Tagesende fast 38km und 57.000 Schritte… ich fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

 

Tag 2

Ich wusste erst nicht, wie ich vom Sofa hochkommen sollte. Mir tat alles weh… nach einem Hallo-Wach-Kaffee versorgte ich nochmal meine Blasen, packte meine sieben Sachen (einen kleinen Teil „Verzichtbares“ ließ ich bei den Schwiegereltern) und der Schwiegervater fuhr mich nach Weihenzell. Angesichts der zweiten Etappe mit 32km auf dem Plan habe ich eingesehen, dass ich das mit den Blasen nicht schaffen würde. Mein „Puffer“ vom Vortag mit dem Zusatzweg Nürnberg Innenstadt – Nürnberg Stein und der unfreiwillige Umweg erlaubte mir die kleine Abkürzung. In Weihenzell verabschiedete ich mich, und holte mir Stärkung in Form von belegtem Brötchen und Kaffee in einem kleinen, örtlichen Supermarkt. Ich frühstückte draussen auf einer Bank, die Luft war klar und frisch vom nächtlichen Gewitter. Innerhalb von 10 Minuten hielten 3 Anwohner inne, fragten mich nach meinem Weg und gaben mir gute Wünsche mit auf den Weg. So freundlich gestärkt schulterte ich meinen Rucksack und lief zur kleinen Kirche hinauf, um mir den Stempel für diese Etappe abzuholen. Im Altarraum trug ich mich wieder im Büchlein ein, kaufte eine kleine Pilgerkerze und holte mir meinen Stempel – ein Feld ließ ich frei für den Stempel Münster Heilsbronn. In der Kirche stand auch frisches Mineralwasser für die durstigen Pilger bereit! An der kleinen Brücke über einem Dorfbach stieg ich wieder in den Jakobsweg ein und setzte einen Fuß vor den anderen in Richtung Lehrberg.

Heute konnte ich weder Musik noch mein Hörbuch ertragen – ich konzentrierte mich darauf, ruhig und gleichmäßig zu laufen. So führte mich mein Weg über Wernsbach, Schönbronn, Röshof nach Buhlsbach, durch den Wald Richtung Lehrberg. Hier habe ich mitten im Wald einen geschmückten Christbaum entdeckt J und das im August… 13

In Lehrberg angekommen, suchte ich zuerst die Kirche auf. Im Wanderführer steht „ganztägig geöffnet“ – natürlich war die Tür zu. In der Bäckerei gegenüber holte ich mir einen Kaffee und hörte, dass diese Kirche nie offen ist. Den Schlüssel könnte ich mir in der Pfarrei den Berg hoch holen… Nein. Diese Kirche sehe ich mir heute nur von außen an. Meine Füße waren mittlerweile zwei brennende Klumpen. Ein paar Meter weiter sah ich eine Bushaltestelle und schaute nach, wann der nächste Bus nach Colmberg fahren sollte. Die 9km nach Colmberg waren für mich mit den Blasen ein unerreichbares Ziel.

Ich freute mich, laut Plan sollte in 15 Minuten ein Bus nach Colmberg fahren. Natürlich war ich traurig, da ich die ganze Strecke laufen wollte, aber Schmerzen sind nun mal Schmerzen – warum sollte ich mich quälen?

Es wurde 13.22 Uhr, kein Bus kam. 13:25, immer noch kein Bus. Ich wurde nervös… Verspätung? Um 13:30 Uhr studierte ich nochmal den Fahrplan und da rutschte mein Herz ein Stockwerk tiefer: ich hatte in der Legende ein entscheidendes Detail übersehen: V01 = nur an Schultagen. NEIEEENN!! Es sind FERIEN!! Niedergeschlagen ließ ich mich auf die Bank sinken. Was mach ich nur? Da fährt bis zum Sanktnimmerleinstag kein Bus mehr… Erschöpft und schmerzerfüllt setzte ich wieder meinen Rucksack auf und schlich aus dem Ort hinaus, in Richtung Colmberg.

Am Radweg entlang versuchte ich mich ein wenig zu motivieren, hörte Musik um nicht an meine vielen Blasen denken zu müssen. Funktionierte leider nicht… Am Ortseingang von Zailach entdeckte ich schon von weitem ein altes Ehepaar, das am Rande eines Weges Heu machte. Die alte Bäuerin hörte auf mit ihrer Arbeit und trat mir entgegen „heute haben Sie aber tolles Wetter zum Wandern, nicht so schwül wie gestern“ – wir plauderten eine Weile, freute mich über das kleine Schwätzchen mindestens genauso wie sie. „Ach, und dann halte ich Sie auch noch auf, wir alten Leute haben halt mehr Zeit wie die Jungen“ – ich sagte ihr dass genau diese Begegnungen die schönen Momente auf meinem Weg sind – dafür ist immer Zeit. Wir winkten uns zum Abschied und ich durchquerte das kleine, verlassene und etwas heruntergekommene Dörfchen in Richtung Häslabronn. 14

Die kleine, hübsche Kirche in Häslabronn beherbergt auch so eine liebevoll gepflegte „Pilgerstation“ mit Stempel, Büchlein, kleinen Spruchkärtchen und Wasser für die Pilger. Hier war der Kasten allerdings schon leer und ich war sehr froh, noch genügend Wasser zu haben. 15 Gegenüber der Kirche, unter einem großen Baum, stand ein kleines Wandererbänklein, auf das ich mich dankbar ausstreckte und die Füße auf meinem Rucksack platzierte. Gerade wollte ich genüsslich in meinen Apfel beissen, als ich ein Schnaufen neben meinem Ohr hörte… ich drehte vorsichtig meinen Kopf zur Seite und sah einem riesigen schwarzen Hofhund direkt in die Augen! Ich hatte Angst zu atmen, kein Mensch weit und breit… ich richtete mich millimeterweise auf, der Hund starrte mich an. Plötzlich legte er fiepsend den Kopf auf meinen Oberschenkel und ließ sich streicheln. Was war ich erleichtert… der Hund offenbar auch, denn er trollte sich wieder in den nächsten Hof. Ich ging weiter an hügeligen Pferdekoppeln vorbei Richtung Colmberg. 16

Ich kam an unzähligen Brombeer- und Himbeerbüsche vorbei. So lecker – wozu Proviant einpacken…!

Der Weg zog sich mittlerweile ins Unendliche, jeder Schritt tat weh. Ich begann über das Leben und alles drumherum nachzudenken. Irgendwie stand das sinnbildlich für meinen Weg. Was kommt wohl nach dem nächsten Hügel? 17

Ich war wieder abseits des Jakobswegs unterwegs – ich wollte Kilometer sparen und einfach nur „ankommen“, so hangelte ich mich auf einem Fahrradweg entlang nach Colmberg, wo mein Hotelzimmer auf mich wartete. Und plötzlich, lag da am Wegesrand zwischen Gras und Laub, eine Muschel. Ja, eine weiß-rosa Jakobsmuschel aus Plastik. Ich machte ungläubig ein Foto meines Fundes und steckte sie ein. Ein Zeichen? Bestimmt… 18

Die letzten Kilometer bis Colmberg zogen sich – die Sonne brannte wieder stärker vom Himmel und ich war froh um meinen Sonnenhut. Von weitem sah ich schon die stolze Burg Colmberg am Horizont. Endlich, das Ortsschild von Colmberg war erreicht. Aber die Burg wollte einfach nicht näher kommen. In der Ortsmitte holte ich mir erstmal Wassernachschub im Supermarkt und lief weiter, den Wegweisern nach. Aber man weiß ja, keine Burg ohne Berg. Der Berg war sehr steil und lang, vorbei an Wohnhäusern und am Fuße der Burg einem recht großzügigen Gehege mit Rotwild. Natürlich musste ich komplett um die Burg herum um zum Eingang zu gelangen. Doch endlich war ich da!! Hoffentlich hat mit meiner Buchung alles geklappt… Was mach ich nur wenn das Zimmer überbucht ist? ICH LAUFE KEINEN METER MEHR! Und wenn ich in der Besenkammer schlafen muss… aber alles hat geklappt. Ich bekomme ein Einzelzimmer im – klar – 3. Stock ganz hinten! Ob ich Hilfe mit dem Gepäck brauche… NEIN! Jetzt hab ich es seit Nürnberg geschleppt, ich werde es auch noch in den 3. Stock schaffen!

Das kleine Zimmer ist verwinkelt und hübsch, ich falle auf mein Bett und kann mich nicht mehr rühren. Die Füße brennen, pochen, stechen, ich schaffe es nicht mal, die Schuhe auszuziehen. Außerdem habe ich Angst vor dem, was ich dann sehen muss…

Irgendwann nehme ich allen Mut zusammen, ziehe unter Schmerzen meine Schuhe und Strümpfe aus und erschrecke: 4 riesige, zum Bersten gefüllte Blasen. 19 Ich schleppe mich in die Dusche, freue mich auf heißes, schmerzlinderndes Wasser. Ich warte 2 Minuten, 3 Minuten. Eiskaltes Wasser. Ich warte. Und warte. Nein, ich kann mich jetzt nicht wieder anziehen und die 3 Stockwerke zur Rezeption hinuntergehen um nach einem neuen Zimmer zu fragen… Nach 5 oder 6 Minuten kommt endlich ein Hauch von lauwarmem Wasser. Dankbar wasche ich den Tag ab, schnaufe nochmal tief durch und bewaffne mich mit einer Nadel und Octenisept… die 5. Blase habe ich übrigens 1 Stunde später gefunden, als meine kleine Zehe am Stuhlbein hängen geblieben ist…

Ich habe nun beschlossen, dass ich die letzte Etappe nach Rothenburg nicht mehr bewältigen kann. Die Blasen sind so groß und schmerzhaft, dass ich nicht mal einen Kilometer weit kommen würde. Ich rief meinen Mann an und bat ihn, mich am nächsten Morgen nach dem Frühstück nicht in Rothenburg, sondern schon in Colmberg abzuholen. Ich war sehr traurig, wollte mir selbst aber nichts vormachen.

Zwei Stunden später am Abend war ich bereit. 3 Stockwerke, ich komme! Irgendwie habe ich mich ins Erdgeschoss gehangelt (es empfehlen sich übrigens Birkenstocksandalen im Rucksack – die hab ich zum Glück bei meiner ersten Etappe NICHT aussortiert 😉 und bestelle mir mein fürstliches Abendmahl: Schweinegeschnetzeltes mit Rahmpfifferlingen und Kroketten, dazu eine Weißweinschorle und als Nachtisch Eis mit Sahne. Am Nebentisch links und rechts jeweils ein Pärchen mit äußerst wenig Gesprächsstoff (so schade für die Leute dass sie sich nix zu sagen haben…) und eine kleine Hochzeitsgesellschaft im Nebenraum. Irgendwie tat mein „Dinner for One“ richtig gut. Allerdings habe ich mir schon vorm Dessert überlegt, wie ich ohne Aufsehen zu erregen aus dem Restaurant raus wieder in mein Zimmer komme. Wird es ohne Tränen gehen? Ja, Zähne zusammengebissen und los. Etwas unrund, aber ohne Schmerzensschreie. Beim Aufstieg knipse ich noch die vielen tollen Antiquitäten und Deko – alles so hübsch hier! 20

Kaum im Zimmer, schlafe ich vorm Fernseher ein.

Tag 3:

Punkt 7 Uhr werde ich von lauter Musik geweckt: im Burghof hat ein Handwerker den Schlagersender im Radio auf MAXIMUM eingeschaltet und hört auch meine Protestrufe aus dem 3. Stock nicht. Klar, ist ja auch so laut das Radio… 15 Minuten später ist Ruhe – wurde wahrscheinlich nicht als einzige unsanft geweckt.

Ich stelle mich auf einen schmerzhaften Gang ins Bad ein und…. bin erstaunt. Geht eigentlich. Also echt jetzt. Sollte ich vielleicht doch? Na, blöd, jetzt hab ich den Gatten schon bestellt. Nach einem Anruf daheim bin ich sicher: es geht weiter! Ich muss es versuchen. Wieder 15 Minuten später bin ich fertig und wuchte den Rucksack ins Erdgeschoss. Ich genieße das reichliche Frühstück, pfeife mir noch eine 600er IBU ein und zahle an der Rezeption. Nach ein paar Selfies im Burghof bei strahlendem Sonnenschein

21

laufe ich einfach los, quer durch einen schönen Golfplatz in Richtung Binzwangen. 22Klar. Es tut weh, keine Frage. Aber nicht so wie gestern, anders. Ich versuche nicht darüber nachzudenken und laufe einfach weiter. In Binzwangen 23 überquere ich die Altmühl, laufe durch Geslau, Gunzendorf und Steinach a.Wald. Die Luft ist frisch, ich bin motiviert und unglaublich stolz, dass ich nicht abgebrochen habe. Ich finde sogar die Kraft, mir ein kleines Blumensträußchen für meinen Hut zu pflücken. 24

Aber da war auch wieder mein altes Problem: um schlicht anzukommen, war ich teilweise wieder abseits des Jakobswegs unterwegs und lief den kürzesten Weg von Dorf zu Dorf. Ja, so mit dem „Asphalthatschen“ war das nicht geplant – aber aktuell nicht anders machbar.

Gerade wollte ich eine große Schnellstraße überqueren – es waren noch ca. 8km bis Rothenburg – hupte mich ein Auto wild an. Ich wollte mich schon aufregen, denn das Auto war noch weit entfernt – da sah ich meinen Mann! Er hat mich mit Iphone-Suche gefunden und sammelte mich 300 Meter weiter auf einem Parkplatz ein. Sohnemann freute sich wie Bolle auf dem Rücksitz und die Wiedersehensfreude nach 3 Tagen war groß! Allerdings war ich auch traurig, da ich gerade so gut dabei war und meine letzten Reserven mobilisiert hatte… mit einem lachenden und einem weinenden Auge verstaute ich meinen Rucksack im Auto und ließ mich auf dem Beifahrersitz nieder. Ob ich noch nach Rothenburg fahren will oder gleich nach Hause? Ja, natürlich wollte ich noch nach Rothenburg…. wir fahren die Straße weiter, die Sonne scheint – ich sehe den kleinen Radweg neben der Straße. Es fühlt sich falsch an. Nein, ich muss weitergehen!! Nach ungefähr 5 Kilometern stand ich wieder am Straßenrand, hatte meinen Rucksack auf und lief weiter nach Rothenburg. Mann und Kind habe ich zum Eisessen geschickt, wir treffen uns dann an der Jakobskirche!

Die letzten Kilometer vergingen wie im Flug – ich hörte laut Musik und war glücklich. Meine persönliche Hymne für den Weg war übrigens „don’t let the sun go down on me“ in der Live-Version von George Michael und Elton John. Jeder sollte eine Hymne haben, die bei Bedarf aufbaut und die letzten Reserven mobilisiert. Am Ortseingang von Rothenburg musste noch ein Selfie sein, dann ging’s weiter in die Altstadt zur Jakobskirche. 25Die hübschen kleinen Gassen und Häuser, ich war verliebt.

Endlich an der Jakobskirche angekommen konnte ich es nicht fassen. Ich hab’s geschafft!!

Die nette Dame am Eingang händigte mir gleich freudestrahlend meinen Stempel aus und bat mich herein, Pilger zahlen keinen Eintritt. Ich verewigte mich im Büchlein, dankbar und erschöpft und vergass fast mir den berühmten Riemenschneider-Altar im Obergeschoß anzusehen. 27 Mann und Kind kamen auch dazu, Sohnemann bekam von der netten Dame ein Kinderbüchlein über die Jakobskirche geschenkt und Schokolade. Ich kaufte noch ein Pilgerlicht und ein kleines Holzkreuz zur Erinnerung. 28

Draussen gab es noch ein schönes Foto von mir und der Pilgerstatue – dann traten wir die Heimreise an. Diesmal gemeinsam 26

 

Nachtrag: meine Pilgerstempel von Heilsbronn und Nürnberg habe ich mir noch auf dem Rückweg geholt

Fazit:

Vor meiner Wanderung habe ich gesagt: Pilgern heißt doch nicht leiden – das musste ich schlußendlich revidieren. Ich hätte nicht gedacht, wie beschwerlich mehrere Tage Wandern am Stück sein können. Eine einzelne Tagestour ist schnell erledigt. Ein guter Tipp von mir: nicht zu viele Kilometer an einem Tag machen, vor allem nicht das Pulver schon am ersten Tag verschießen. Die Gewaltetappe von fast 40km am ersten Tag hat meine Füße leider schon von Anfang an geschunden. Durch den Zeitdruck und die Wegkürzungen auf Asphalt konnte ich die Natur nicht so genießen wie ich wollte. Lieber einen Tag länger einplanen, und entspannt die Originalstrecke gehen.

Faszinierenderweise habe ich nicht einen Wanderer getroffen. Also wirklich keinen einzigen! Vielleicht lag es auch daran, dass ich unter der Woche gelaufen bin.

Noch ein Tipp: überlegt Euch ganz genau, was unbedingt in den Rucksack muss. Ich hatte mich schon gefühlt aufs Minimum reduziert, es ging aber mit noch weniger. Vor allem Proviant hatte ich zuviel dabei. Nicht am Wasser sparen! Manchmal kommt man lange in kein Dorf. Unverzichtbar hingegen: mein Handy mit Navigation, der Sonnenhut, ein kleiner Taschenalarm für alle Fälle (nur für’s Gefühl), Sonnenbrille und ein guter Rucksack – ich war froh um die gute Verteilung auf dem Rücken. Ohne eine Nähnadel und Octenisept sowie Blasenpflaster wäre nach dem 1. Tag bei mir schon Feierabend gewesen. Ich weiß, übers Blasen-Aufstechen gibt es viele Meinungen. Sandalen für abends – ein Gottesgeschenk.

Gönnt Euch schöne Übernachtungen! Das Zimmer auf Burg Colmberg war definitiv ein Highlight.

Ich werde definitiv weiter pilgern. Trotz aller Strapazen war das Gefühl dabei unvergleichlich. Es gibt noch viele schöne Jakobsweg-Strecken, die ich allein und auch mit meiner lieben Freundin gehen werde. Aber ich lasse mir diesmal genug Zeit dafür.

Und wer noch zweifelt: auch der längste Weg beginnt mit einem Schritt.

Buen Camino!

Herzliche Grüße, Conny

 

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8 Kommentare zu „Jakobsweg Nürnberg – Rothenburg

  1. Liebe Conny! Mein Bruder schrieb mir nach Deinem Bericht direkt „willkommen in Mittelfranken“! Wir sind genau in der Gegend aufgewachsen, in Ansbach, und haben es sehr bedauert, dass Du weder im Gasthof „Kern“ in Lehrberg noch im Gasthof in Linden bei Rothenburg eingekehrt bist. Das sind wohlfühl-Orte, an denen man sogar böse Blasen vergisst (an der Kreuzeiche ist mir mal eine aufgeplatzt, die 12% Steigung runter nach Hürbel am Rangen waren Horror). In Colmberg hat unsere Schwester geheiratet, bei uns derhamm sagt man dazu „siggsders“! Und noch ein „siggsders“: Nina trafen wir vor ihrem Jakobsweg-Kraftakt an der Almhütte im Tecklenburger Land, Andrack hatte ihr abgeraten, aber Kölner muss man eh nicht ernst nehmen. Weiterwandern, viele Grüße aus Düsseldorf!

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      1. Hallo Nina! Du meinst, so als Andrack-Groupies? Nee, eigentlich gehen wir lieber alleine los als in großen Grupppen, aber wenn es sich ergibt, nutzen wir halt die Gelegenheit, ihn zu treffen. Wir sind übrigens mächtig stolz darauf, dass in seinem neuen Buch ein ganzes Kapitel über uns drin ist! Es ist allerdings kein Wanderbuch, sondern eins über Fußballfans😎 Demnächst will ich mit Freunden zwei Etappen vom Neanderlandsteig wandern und zehre ansonsten von einer Woche Bergwandern in Südtirol – war wieder herrlich in Villnöß. Viele Grüße!

        Gefällt 1 Person

  2. Hallo Conny, hallo Nina,

    ein sehr interessanter und lebendiger Beitrag. Ich finde es immer spannend zu lesen, welche Erfahrungen andere Pilgern auf den Wegen gemacht haben, die ich auch schon gelaufen bin:

    https://schrittweiseblog.wordpress.com/2017/05/17/fraenkischer-jakobsweg-von-nuernberg-nach-rosstal/

    Ich hatte z.B. auch Probleme mit Wegweisern bis Stein und mit Busverbindungen 🙂 Am Ende hat dann doch alles gut geklappt.

    Liebe Grüße 🙂

    Gefällt 1 Person

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